[Rezension] Von Männern, die keine Frauen haben.

„Was bin ich eigentlich?“ (Das eigenständige Organ)

Haruki Murakami als japanischer Autor ist in meinen Literaturgefilden ein totaler Exot. Ich möchte ihn vielweniger als Bestsellerautor betiteln – was ihm meiner Meinung n9748_Murakami_Tsukuru_U1_final.inddach nicht ganz gerecht wird – vielmehr ist er ein Wunder der Schriftstellerei. Einer der Wenigen die von Anhieb an zu meinen Favoriten gehörte. Seine Bücher wie 1Q84 hatte ich einige Male in den Händen, besaß aber nie die Muse und die Motivation sie zu erwerben und zu lesen. Erst durch den Fund in der Städtischen Bücherei ist Von Männern, die keine Frauen haben mir beinah wörtlich per Zufall in die Hände gefallen. Jede der einzelnen „long short stories“ habe ich mir für je einen Tag bzw. eine Hin- und Rückfahrt mit dem Bus zur Arbeit vorgenommen. Manchmal sogar mit einem oder zwei Tagen Pause zwischendurch. Besonders dann, wenn mir eine Geschichte nicht aus den Gedanken gehen wollte.

Ehrlich gesagt hatte ich zu Beginn überhaupt keine Vorstellung über die Handlungen, die Zeit in der sie spielten oder den direkten kulturellen Ort. Diese Unvoreingenommenheit war perfekt. Der Titel sagt im Grunde die Art und Weise bereits aus, um welches Thema es in den Geschichten grob gehen soll, aber jede hätte nicht grundlegend verschiedener sein können.

Die Kurzgeschichte, die mich am meisten beschäftigte und auch am besten gefiel, ist Das eigenständige Organ. Sie handelt von einem japanischen Schönheitschirurgen, der als Junggeselle mittleren Alters allein ohne feste Bindung lebt. Als Dr. Tokai ist er in der Geschichte durchgehend bekannt und wird durch seinen Freund, Herrn Tanimura, im Verlauf porträtiert. Die Freundschaft der beiden Männer verläuft nur über einen sehr kurzen und abrupt endenden Zeitraum. Dabei steht Dr. Tokais Privatleben mit und zu Frauen im Zentrum, dass er immer nur unkomplizierte Beziehungen als „Nebenmann“ bevorzugt, anstelle einer richtigen Beziehungen mit Gefühlen, wird ausführlich beleuchtet. Der Höhepunkt und somit Wandel, welcher der Figur dann zum Verhängnis wird, macht den semantischen Standpunkt der „Liebe“ fest. Mit der Frage „Was bin ich eigentlich?“ stürzt sich Dr. Tokai in eine ungewisse Tiefe in seinem bisher unkomplizierten Leben. Mehr möchte ich auch gar nicht verraten, sonst würde ich beinah eine der 7 Kurzgeschichten damit zunichtemachen. Viel lieber möchte ich die Neugier wecken, auch einmal Murakamis meisterhafte Erzählungen zu lesen oder zu lauschen.

Die sprachliche Gestaltung die Murakamis Werke als solch Populäre auszeichnet, sind nicht nur seine langen intensiven Dialoge der Figuren, sondern auch die sprachlichen Bilder und Vergleiche:

„Wenn Kafuku eine Episode aus seiner Jugend erzählte, lauschte Takatsuki mit ernster Miene. Wie ein Kurator, der die Andenkensammlung eines anderen Menschen verwaltete.“ (Drive my Car)

Jede der Geschichten hat ihre eigene Einfühlsamkeit und ihre eigene Ehrlichkeit. Dabei wandern die Themen von Liebe über Gefühl bis hin zu einer nackten Sexualität, die nicht intimer erzählt hätte werden können.

Dumont
254 Seiten
19,99€ gebunden
ISBN 978 3 8321 9781 0

#buylocal

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