[Rezension] Ein ganzes Leben.

Robert Seethaler berichtet in diesem kleinen Werk vernichtend ehrlich wie ein Leben, geprägt von Einsamkeit und schweren Hürden, trotzdem als erfülltes und zufriedenes Leben enden kann. Dass Einsamkeit aufgeladen durch negative Aspekte wie Trauer, Verletzungen und Unglücklichsein, Ein ganzes Leben von Robert Seethalerkeineswegs auch diesen Eigenschaften entsprechen muss.

„Er war stark, aber langsam. Er dachte langsam, sprach langsam und ging langsam, doch jeder Gedanke, jedes Wort und jeder Schritt hinterließen ihre Spuren, und zwar genau da wo solche Spuren seiner Meinung nach hingehörten.“

Andreas Egger erfährt in diesem Buch von Beginn an Unrecht – Unrecht zumindest aus heutiger Sicht und als Leser des Jetzt – wenn damals der Bauer mit seinen Knechten gewaltsam umging, lag das in seinem Ermessen. Genauso, als dieser alte Bauer den kleinen Egger mit nur acht Jahren zu einem Krüppel peitschte. Würde das wohl Heute passieren, käme der Verantwortliche wegen Misshandlung und Körperverletzung ins Gefängnis. Aber nicht damals und nicht dort in diesem abgelegenen kleinen Tal in den Bergen. Und das nur als eine von den unzähligen Ungerechtigkeiten im langen Leben des Andreas Egger.

Durchweg durch den gesamten Leseprozess hatte ich ein schweres trauriges Gefühl, manchmal musste ich Lachen und dann wieder wollte ich eingreifen und den Figuren mehr Zeit miteinander geben. Am Ende hinterfragt man sein eigenes Glück, seine Wehwehchen und Probleme. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass Einsamkeit und Unglück nicht unanfechtbar aneinander gekettet sind.

Für mich eine der schönsten Beschreibungen für das Gefühl der Liebe aus Seethalers Roman:

 „Für einen Moment drängte sich ein merkwürdiges Bild auf: Er sah sie nicht einfach nur wartend auf seinem Hocker sitzen, sondern hatte die Vorstellung, ihre bloße Anwesenheit habe den Raum, den er seit so vielen Jahren alleine bewohnte, verändert, vergrößert, auf irgendeine unangenehme Weise nach allen Seiten hin geöffnet.“

Vor gut zweieinhalb Wochen durfte ich dann Robert Seethaler bei der Lesung von RavensBuch im Schwörsaal in Ravensburg kennenlernen und seiner neuen Geschichte – vielmehr Geschichten – in seinem kürzlich erschienenen Roman Das Feld lauschen. Auf den Autorenfotos wirkte Herr Seethaler meiner Meinung nach durchaus einschüchternd, durch seine Größe und mit den eisblauen Augen. Doch lernt man ihn aus nächster Nähe kennen, ist er ein schüchterner und doch neugieriger Mensch zugleich, und vor allem immer mit einem Witz auf den Lippen anzutreffen. Sämtliche seiner Geschichten liest er selbst. Wenn man den Hörern bei der Lesung in die Gesichter geschaut hat, haben die meisten mit geschlossenen Augen Herrn Seethalers ruhiger brummiger Stimme gelauscht.

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Die Frage die mir nach der Lesung blieb, denn in beiden genannten Büchern erzählt er Geschichten vom Sterben, vom Leben mit dem Tod und von der Einsamkeit und dem Glück: Woher nimmt er dieses Feingefühl und die Erfahrung?

Goldmann Verlag
192 Seiten
9,99 €
ISBN 978 3 442 48291 7

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[Rezension] Die Buchhandlung.

„Ich wüsste nicht, daß Männer bessere Urteile fällen können als Frauen, sagte Florence, aber sie verschwenden viel weniger Zeit damit, ihre Entscheidungen zu bereuen.“

Die Buchhandlung_FitzgeraldAutoren mit dem Namen Fitzgerald stehen  in meinem Regal einige viele. Von The Great Gatsby über ganz unbekannte skurrile Romane wie Pigtopia. Das Penelope Fitzgerald mit Jane Austen zu den großen englischsprachigen Erzählern gilt und mit Preisen wie dem Booker Prize ausgezeichnet wurde, waren mir bis dato unbekannt.

Aufmerksam bin ich vor circa 2 Wochen im Kino geworden, denn da lief in einer Filmvorschau der Trailer Der Buchladen der Florence Green. Zunächst habe ich mir über den Titel gar keine Gedanken gemacht, als ich dann aber das Buch in den Händen hielt und es wie folgt betitelt wurde: Die Buchhandlung, habe ich mich mächtig aufgeregt. Es ist als wenn man zu einer Buchhandlung Bücherei oder Bibliothek sagt. Und „Buchladen“ ist im Vergleich zu „Buchhandlung“ ein eher langweiliges eintöniges Wort. Warum der Titel ebenso um den Namen der Protagonistin erweitert wurde ist mir auch unklar. Nichts desto trotz um auf das Kernstück zurück zu kommen und überhaupt den Kreis zu meiner Einleitung zu schließen: Es war ein kleines fantastisches Buch. Sämtlichen Werke von Autoren die witzigerweise Fitzgerald heißen und in meinem Regal stehen, waren ausnahmslos fantastisch.

Die Buchhandlung spielt in einem kleinen abgelegenen Dorf in Suffolk. Dabei ist Florence Green als Witwe mittleren Alters die Heldin, die sich mit dem Mut einer Löwin und dem Elan zu einem Neuanfang mit einem selbständigen Unternehmen traut. Das eine Buchhandlung schon damals ein schwieriges Unterfangen war, zeigt sich in diesem Roman nur allzu deutlich. Bis heute hat sich diese Tatsache nicht geändert.

Die kleine Geschichte selbst hat meiner Meinung nach den Höhepunkt in den frechen und brieflichen Korrespondenzen zwischen Mrs. Green und ihrem Anwalt Mr. Thornton. Dabei nimmt Florence Green kein Blatt vor den Mund und lässt sich nicht einmal von ihrem Anwalt irgendwo hineinreden. Die Buchhandlung, die sie eröffnet, findet in Hardborough zunächst großen Anklang. Dabei wird Florence, dennoch von den Einwohnern argwöhnisch und voreingenommen beäugt und kritisiert. Als sich dann auch die „upper class“ in Gestalt von Mrs. Gamart einschaltet und Florence einen Strich durch die Rechnung machen möchte, versucht Mrs. Green um den Erhalt der Buchhandlung weiter zu kämpfen.

Penelope Fitzgeralds Figuren bilden in der kurzen Geschichte ein vollendetes Bild. Dabei hätten sich nicht unterschiedlichere Charaktere gegenüberstehen können und sich gegenseitig auf eine so charmante Art und Weise beeinflussen.

In Allem eine wundervolle Geschichte über den Mut zu Neuanfängen und gegen die Entmutigung und den Druck und der Meinung der gesellschaftlichen Konventionen.

„Es hofft der Mensch so lange er lebt.“

Insel Verlag
164 Seiten
8,00 €
ISBN 978 3 458 36046 9

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Den Film kann ich mir nun natürlich nicht mehr entgehen lassen. Habt ihr ihn schon gesehen?

[Rezension] Von Männern, die keine Frauen haben.

„Was bin ich eigentlich?“ (Das eigenständige Organ)

Haruki Murakami als japanischer Autor ist in meinen Literaturgefilden ein totaler Exot. Ich möchte ihn vielweniger als Bestsellerautor betiteln – was ihm meiner Meinung n9748_Murakami_Tsukuru_U1_final.inddach nicht ganz gerecht wird – vielmehr ist er ein Wunder der Schriftstellerei. Einer der Wenigen die von Anhieb an zu meinen Favoriten gehörte. Seine Bücher wie 1Q84 hatte ich einige Male in den Händen, besaß aber nie die Muse und die Motivation sie zu erwerben und zu lesen. Erst durch den Fund in der Städtischen Bücherei ist Von Männern, die keine Frauen haben mir beinah wörtlich per Zufall in die Hände gefallen. Jede der einzelnen „long short stories“ habe ich mir für je einen Tag bzw. eine Hin- und Rückfahrt mit dem Bus zur Arbeit vorgenommen. Manchmal sogar mit einem oder zwei Tagen Pause zwischendurch. Besonders dann, wenn mir eine Geschichte nicht aus den Gedanken gehen wollte.

Ehrlich gesagt hatte ich zu Beginn überhaupt keine Vorstellung über die Handlungen, die Zeit in der sie spielten oder den direkten kulturellen Ort. Diese Unvoreingenommenheit war perfekt. Der Titel sagt im Grunde die Art und Weise bereits aus, um welches Thema es in den Geschichten grob gehen soll, aber jede hätte nicht grundlegend verschiedener sein können.

Die Kurzgeschichte, die mich am meisten beschäftigte und auch am besten gefiel, ist Das eigenständige Organ. Sie handelt von einem japanischen Schönheitschirurgen, der als Junggeselle mittleren Alters allein ohne feste Bindung lebt. Als Dr. Tokai ist er in der Geschichte durchgehend bekannt und wird durch seinen Freund, Herrn Tanimura, im Verlauf porträtiert. Die Freundschaft der beiden Männer verläuft nur über einen sehr kurzen und abrupt endenden Zeitraum. Dabei steht Dr. Tokais Privatleben mit und zu Frauen im Zentrum, dass er immer nur unkomplizierte Beziehungen als „Nebenmann“ bevorzugt, anstelle einer richtigen Beziehungen mit Gefühlen, wird ausführlich beleuchtet. Der Höhepunkt und somit Wandel, welcher der Figur dann zum Verhängnis wird, macht den semantischen Standpunkt der „Liebe“ fest. Mit der Frage „Was bin ich eigentlich?“ stürzt sich Dr. Tokai in eine ungewisse Tiefe in seinem bisher unkomplizierten Leben. Mehr möchte ich auch gar nicht verraten, sonst würde ich beinah eine der 7 Kurzgeschichten damit zunichtemachen. Viel lieber möchte ich die Neugier wecken, auch einmal Murakamis meisterhafte Erzählungen zu lesen oder zu lauschen.

Die sprachliche Gestaltung die Murakamis Werke als solch Populäre auszeichnet, sind nicht nur seine langen intensiven Dialoge der Figuren, sondern auch die sprachlichen Bilder und Vergleiche:

„Wenn Kafuku eine Episode aus seiner Jugend erzählte, lauschte Takatsuki mit ernster Miene. Wie ein Kurator, der die Andenkensammlung eines anderen Menschen verwaltete.“ (Drive my Car)

Jede der Geschichten hat ihre eigene Einfühlsamkeit und ihre eigene Ehrlichkeit. Dabei wandern die Themen von Liebe über Gefühl bis hin zu einer nackten Sexualität, die nicht intimer erzählt hätte werden können.

Dumont
254 Seiten
19,99€ gebunden
ISBN 978 3 8321 9781 0

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[Rezension] Alles über Heather.

„[…], seine Gedanken nun mehr unaussprechlich.“

Wärmstens empfohlen wurde mir das kleine Buch von Wissenstagebuch in meinem Beitrag zum Neujahr. Gekauft erst kürzlich und direkt am Tage darauf innerhalb zweier Stunden verschlungen.

978-3-498-09463-8Was vorweg zu sagen ist: Auch, wenn der grobe Handlungsablauf durch den Klappentext ein Stück weit vorhersehbar ist, so bleibt das Ende trotzdem unerwartet überraschend.

Mark und Karen Breakstone haben eine wunderbare Tochter: Ihr ganzes Dasein dreht sich nur um sie: Heather.

Bobby Klasky ist in seinem miserablen Leben niemals Glück oder Liebe begegnet. Doch jetzt weiss Bobby, was er will: Heather.

Mag sein, dass es etwas weniger plötzlich erscheint, da Weiner den tiefsten und auf schauerhafte Weise ehrlichsten Einblick in seine Figuren gewährt, den man selten in Romanen begegnet.

Ich muss auch gestehen, für dieses Buch habe ich sogar das aktuelle Leseprojekt Loney (Rezension folgt in Kürze) auf die Seite legen müssen. Alles über Heather ging einfach umwerfend leicht durch die Gedanken, wie weiche Butter in einem lauwarmen Topf. Es ist simpel verfasst, mit einem Hang zur Komik in etwas verschachtelten Sätzen. Beinah sympathisierend schildert Weiner alle Charaktere abwechselnd und verknüpft sie so bis zum dramatischen Ende – ich hoffe es sei mir gestattet dies vorweg zu nehmen, denn es ist definitiv kein typischer „Happy-End und a la Disneystory“ Roman. Zum Schluss sackt man in sich zusammen und grübelt über die gehegten Sympathien zu Figuren nach, die sich kontinuierlich in Gedanken beim Leseprozess fortgesponnen haben, um dann in der Gesamtheit als Netz, zum krönenden Schluss, erschüttert zu werden.

Was bleibt ist der Grundgedanke nach Gerechtigkeit. Was ist gerecht und wer handelt denn überhaupt gerecht?

Abschließend möchte ich doch noch auf das schöne Cover und die Buchmaterialien einen Toast aussprechen, denn nicht nur die Gestaltung des Einbands, sondern auch die Coverstärke und das Material sind wundervoll ausgewählt. Da bleibt mir nur ein Wort in den Raumzustellen um es zu beschreiben: Verborgen.

Anzumerken habe ich auch noch – und ja, mir ist vollkommen bewusst, dass ein Buch mit solch einer Gestaltung auch seinen Marktwert erzielen muss, vor allem da es auch noch so brillant ist – dass der Preis gerade grenzwertig ist in Anbetracht der Seitenzahl.

Rowohlt Hundert Augen
144 Seiten
16.00 €
ISBN 978 3 498 09463 8

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[Rezension] Wald.

U1_978-3-87134-769-6.inddZuerst möchte ich einmal erläutern worauf ich gehofft und was ich gedacht hatte, als ich das Buch auf der Buch Wien gekauft habe. Denn das hat doch sehr zu meinem Urteil beigetragen und Einfluss genommen. Der Wald als ruhiger, vielleicht auch verwunschener Ort, der alle Sinne beansprucht, sollte also im Roman eine einnehmende Rolle spielen, denn nicht grundlos ziert er das wirklich schöne Cover und den Titel. Das feuchte Moos, das Rauschen des Windes in den Bäumen, Vogelgezwitscher und das Nass des Flusses, der Duft von Erde, Nadelbäumen und feuchten Laub, das alles kommt mir in den Sinn, wenn ich mir den Wald imaginiere (wahrscheinlich noch viel mehr). Im Roman erfahren wir wenig über den Wald und mehr über das Leiden der Protagonistin Marian, welches im Buch als so Todgleich geschildert wird und ich, als eben nicht Mittvierzigerin, kaum nachvollziehen kann. Viel zu sehr liegt Knechts Fokus auf der Ausdehnung der „ach so verkehrten Weltansicht und Dummheit“, die Marian durchlebt hat. Und der Wald dabei? Spielt also „nur“ die Rolle des Schutz- und Rückzugraums und wird aber in keiner Weise als diesen ausgewiesen.

Demnach wäre die Handlung grob beschrieben, denn außer dass Figuren nach und nach zusammengefügt und vorgestellt werden, passiert wenig. Vielmehr arbeitet Marian, früher Marianne, ihre Fehler in der Karriere und gescheiterten Beziehung zu Männern auf.

Was das Buch dennoch literarisch wertvoll macht und somit lesenswert, ist die Sprache und der Sprachstil. Denn Knecht monologisiert Eins-zu-eins die Gedanken aus Marians Gehirn. In meist kurzen, schnell aneinander getakteten Sätzen und Satzeinheiten. Man fühlt und durchlebt die Gedankenspiele irgendwie persönlich und doch ganz nah mit ihr mit. Auch ihre witzigen und schroffen Neologismen und ihren Hang zu modernen Wortmixen lockert die ernste Thematik, wie beispielsweise „Untermoisterisiertheit“, auf.

„Schön“ (Vorsicht Sarkasmus!) fand ich auch die Buchempfehlung bzw. den Kommentar der Zeitschrift Brigitte auf der Rückseite des Buches, „woher, zum Teufel kennt Frau Knecht uns […]“. Damit wären wir nun alle über einen Kamm geschert und somit psychisch labil und zunächst unfähig in armen Verhältnissen zu leben. Das als eine Möglichkeit zur Interpretation dieser Aussage.

Rowohlt Taschenbuch Verlag
271 Seiten
9.99 €
ISBN 978 3 499 26787 1

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Und nun zuletzt doch eine Frage an euch, denn vielleicht liege ich komplett falsch und meine Meinung ist ja auch nur eine von vielen, aber woran denkt ihr, wenn euch spontan das Buch in der Ladenauslage anlächelt? Und hattet ihr schon ähnliche „überraschende“ Erfahrungen?